3.12.2013
Zivilkapitalismus
- Mitgestalten nicht nur im Politischen
Von
Wolf Lotter
Wir
sind die Wirtschaft – damit aus der Phrase Wirklichkeit wird,
müssen die Bürger nicht nur an den Ergebnissen der Ökonomie
teilhaben, sondern sie auch gestalten. Eine bessere Welt und bessere
Märkte brauchen Teilnahme und Teilhabe. Das gleiche lässt sich auch
auf die politische Teilhabe übertragen, meint Publizist und brand
eins Autor Wolf Lotter.
Wir
sind Kunden, und Kunden sind wichtig. Deshalb werden wir auch die
ganze Zeit gefragt, vor Shopping Centern, auf Einkaufsstraßen und
natürlich beim digitalen Einkaufen im Internet: Die Marktforschung
fragt uns ständig danach, was wir wollen und was wir vermissen, ob
wir mit einem Kauf zufrieden sind und welche Kritik wir an Verkäufer,
Ware und Ablauf haben. Seit das Interaktive mit dem Web zur neuen
Normalität geworden ist, fühlt man sich als Kunde wie ein Bürger
im permanenten Wahlkampf: Ständig laufen Leute herum und geloben
Besserung. Wir sind Kunden, und wir sollen sagen, wie das geht. Man
kann das Web 2.0 nennen, zum Beispiel, oder Kundenzentrierung – am
Ende läuft es darauf hinaus, dass wir als Kunden heute schon bei der
Planung und Gestaltung von Produkten, Dienstleistungen und Services
eine größere Rolle spielen als unsere Vorfahren in der Geschichte
der Konsumgesellschaft. Wir sollen mitmachen. Teilnehmen. Wir sind
gefragt.
Das
passt nicht nur gut zu den neuen interaktiven Medien, sondern zur
Evolution der Demokratie in den westlichen Wohlstandsgesellschaften
seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Konsumkapitalismus hat für die
meisten Menschen eine Welt geschaffen, in der die grundlegenden
materielle Bedürfnisse abgedeckt werden. Seit den 1960er Jahren ist
der Drang zu mehr Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen und
politischen Fragen unübersehbar. Das ist die unmittelbare Folge der
materiellen Höhenflüge, die in der späten Phase des
Industriekapitalismus geschaffen wurden. Nach dem Fressen kommt die
Moral – und Moral bedeutet hier soviel wie der Anspruch, nicht bloß
zum reinen Verbraucher degradiert zu werden, sondern seine Rolle in
den Märkten selbst zu definieren. Das ist ja auch in der Politik so:
Immer mehr persönliche und kleinteilige Interessen erodieren die
großen Parteien und Interessensverbände. Unter deren Hut passt kaum
noch ein Bürger. Für diese neue Vielheit der Stimmen in
Gesellschaft und Gemeinwesen hat sich der Begriff Zivilgesellschaft
durchgesetzt. Zivilgesellschaft ist, wenn aus politischen
Konsumenten, aus Verbrauchern und Schutzbefohlenen mündige Bürger
werden, die ihre Angelegenheiten zunehmend selbst in die Hand nehmen.
All das beginnt mit immer mehr Forderungen an die alten
Institutionen, Politiker wissen, wovon die Rede ist. Parallel dazu
politisiert sich nun auch das Marktgeschehen: Immer mehr Kunden
verlangen Transparenz über Produktionsbedingungen und fragen nach,
unter welchen Arbeits- und Umweltbedingungen ihre Waren entstehen. In
den Unternehmen selbst steigen Wissensarbeiter immer höher auf,
erhalten mehr Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Das alles
ereignet sich ständig und so selbstverständlich, dass es leicht zu
übersehen ist. Die Wissensgesellschaft hat die alte hierarchische
Industriegesellschaft weitgehend ersetzt. Das Bewusstsein hinkt
hinterher. Das liegt auch daran, dass die Geistes- und Medieneliten
ein getrübtes Verhältnis zur Ökonomie haben. Antikapitalismus ist
wohlfeil, die Aufforderung, die Märkte mitzugestalten, gilt hingegen
immer noch als naiv, aussichtslos oder gar unschicklich. Dabei gilt
für die Wirtschaft, was auch für die Politik gelten sollte:
Teilhabe ohne Teilnahme ist nicht viel wert. Doch keine Sorge: In der
Zivilgesellschaft wird sich ein Zivilkapitalismus durchsetzen. Er
baut auf einer neuen Mündigkeit der Bürger auch in materiellen
Fragen, der umso unabhängiger ist, desto mehr er „seine Ökonomie“
selbst bestimmen kann. Zivilkapitalismus ist eine weitere Stufe der
Aufklärung – und zwar diesmal jener in wirtschaftlichen
Lebensfragen.
Es
gibt kein Zurück
Nicht
einige wenige Eigentümer oder Manager entscheiden mit einigen
wenigen Politikern und Funktionären darüber, wie Ökonomie und
Gesellschaft gestaltet werden, sondern die Märkte selbst, die aus
mündigen Bürgern bestehen.
Die
Zukunft gehört dem Zivilkapitalismus, der die neue
Graswurzelbewegung des 21. Jahrhunderts wird – auch deshalb, weil
kluge Bürger wissen, dass sie nur dann wirklich unabhängig sind,
wenn sie auch ihre materiellen Angelegenheiten unabhängig gestalten
können. Dieser Prozess aus Teilnahme und Teilhabe ist unumkehrbar –
man kann ihn wohl aber deutlich verzögern.
Wirtschaftliche
Bildung auf allen Ebenen tut not – und die Erziehung zur
ökonomischen Unabhängigkeit erst recht. Das Fundament der Bildung
im Zivilkapitalismus ist die Förderung der Unabhängigkeit und
Selbständigkeit. Eine gute Gesellschaft ist eine, die ihren Bürgern
jede Möglichkeit zur Selbstbestimmung und Selbständigkeit gibt. Die
neue Teilhabe ist das Recht darauf, sein Leben selbst gestalten zu
können. Erst wo das politisch und ökonomisch ohne jede
Einschränkung gilt, ist Zivilgesellschaft, also Politik für
Erwachsene. Wir sind die Gesellschaft. Und wir sind die Märkte.
Das
ist Zivilkapitalismus.
Quelle:
Bundeszentrale für politische Bildung
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